Mehr als Töne - Musikpädagogik und Gesellschaft

"Rassismus in kleinen Dosen ..."

"Rassismus in kleinen Dosen ..."

Diese Folge ist der zweite Teil unseres Gesprächs in einem Musikpädagogik-Seminar, in dem wir uns mit den Begriffen Kultursensibilität, Diskriminierung und Rassismus beschäftigt haben. Jannick erläutert, wie eine Schuldumkehrstrategie als Reaktion auf rassistische Handlungen aussehen kann und Martin definiert die Begriffe Diskriminierung, „Othering“ und Rassismus – mit all ihren Grautönen und Verbindungen miteinander. Wir sprechen auch über die kleinen und großen Fallen, in die Musiklehrer*innen unbewusst tappen können. Denn es ist nicht so einfach, sich in Formen von Diskriminierung hineinzudenken, die man selbst noch nie erlebt hat. Martin und Jannick sprechen außerdem offen darüber, welche Strategien Jugendliche anwenden, wenn sie Diskriminierung erfahren…

„Wir haben keine Patentlösung.“

Martin Lorenz und Jannick Philp waren vor Kurzem unsere Gäste in einem Musikpädagogik-Seminar, um mit uns über die Themen Kultursensibilität, Diskriminierung und Rassismus zu sprechen. Martin ist Sohn einer Deutschen und eines Tansaniers. Er wuchs in Berlin-Weißensee auf, ist ausgebildeter Ballett-Tänzer, und arbeitet heute als Stimmbildner. Jannick ist als Sohn einer Deutschen und eines Vaters aus der Republik Tschad in Kreuzberg aufgewachsen, studiert heute Biologie und Sport auf Lehramt, und arbeitet bereits als Lehrer an einer Schule mit großer kultureller Vielfalt. Aus der Sicht von Martin und Jannick stehen wir in Deutschland noch „ziemlich am Anfang“, was eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus angeht. Im Seminar haben wir über einen konstruktiven Umgang mit den Stereotypen und Vorurteilen gesprochen, die in allen von uns vorhanden sind und die unser tägliches Handeln beeinflussen. Wir haben uns dabei auch mit den Gefühlen beschäftigt, die in uns hochkommen können, wenn wir rassistische und diskriminierende Situationen miterleben …

„Ich versuche ganz stark, mich auf das einzulassen, was vorhanden ist…“

In dieser Folge erzählt der Musik- und Englischlehrer Felix Oeser im Gespräch mit der Studentin Donya Solaimani, welche Themen ihn am „berühmt-berüchtigten“ Campus Rütli in Berlin-Neukölln seit vier Jahren beschäftigen: Er spricht darüber, welche Inhalte er in seinem beruflichen Kontext als besonders wichtig erachtet, er erzählt wie er mit der Herausforderung umgeht, dass seine eigene musikalische Sozialisation eine andere ist als diejenige seiner Schüler*innen, und er erläutert, mit welcher Haltung er seinen Schüler*innen begegnet. Dabei setzt er der klischeehaften Vorstellung, dass sich Jugendliche in bestimmten Wohnbezirken nur für bestimmte Arten von Musik interessieren, seine Erfahrungen als Lehrer entgegen.

„Es ging darum, mit den Schüler*innen in Kontakt zu bleiben…“

Überall auf der Welt haben sich in den letzten Wochen die sozialen Ungleichheiten verstärkt und wurden noch viel deutlicher sichtbar als in „normaleren“ Zeiten. Im Bezirk Berlin-Neukölln waren viele Jugendliche stärker als üblich mit folgenden Fragen konfrontiert: Wie kann ich zu Hause gut lernen und meine Aufgaben erledigen, wenn ich keinen eigenen Schreibtisch und PC habe, und wenn ich in meinem Umfeld nicht die nötige Ruhe habe?
Der Musik- und Englischlehrer Felix Oeser erzählt im Gespräch mit der Berliner Studentin Donya Solaimani von seinen aktuellen Erfahrungen am Campus Rütli. Dort haben sich die Lehrer*innen abgesprochen, wie sie mit den Jugendlichen, die wochenlang nicht zur Schule gehen konnten, kommunizieren und welche Form von Feedback sie ihnen in dieser Zeit geben wollen…

"Wir haben uns das alles selbst beigebracht..."

In dieser Folge erzählt mein Vater, warum und wie er in den 60er-Jahren am Rande des Harzes mit dem Musikmachen begonnen hat. Gemeinsam mit seinen Freunden Bernd Bauer, Horst Wode und Dieter Manß hat er sich Instrumente und Grifftabellen besorgt und von technisch begabten Freunden die ersten Verstärker bauen lassen. Keiner dieser Musiker hat jemals eine Gitarrenstunde genommen, denn es gab damals keine Musikschule im Ort. Reiner „Latschen“ Bartels erzählt auch von der ersten Beatclub-Sendung, die er gemeinsam mit Freunden gebannt vor dem Fernseher verfolgte, und von den damaligen Cola-Bällen…

"Missverstehen ist das Normale..."

„Habt Ihr das verstanden?“ „Ja!“ Diese Art von Dialog kommt unzählige Male in Musikräumen vor – ganz egal, ob wir uns Dialoge anschauen, die in Schweden oder in Deutschland geführt werden. Oft ist uns dabei nicht bewusst, dass die Menschen, die uns gegenübersitzen oder stehen, vielleicht nichts verstanden haben und nur so tun, als hätten sie uns verstanden. Oder: Sie haben etwas ganz anderes verstanden als wir sagen wollten. In beiden Fällen kommunizieren Menschen zwar miteinander, doch die Gefahr, dass sie sich missverstehen, ist groß. In seinem Vortrag erklärt Olle Zandén, welche Art von Dialogführung im Musikunterricht sinnvoll ist, weil sie für ein gemeinsames Verständnis sorgt. Er benutzt hierfür das Bild von Ballwechseln beim Tischtennis …

“How much space are you able to take?“

In dieser Folge erläutert die schwedische Musikpädagogin Carina Borgström-Källén auf Englisch, wie sich Jugendliche in der Schule selbst inszenieren und welche stereotypen Eigenschaften sie bei den „popular boys“ und den „popular girls“ einer schwedischen Schule wahrgenommen hat. In ihrer Studie an der Schnittstelle von Gender Studies und Musikpädagogik konnte sie zeigen, dass einige Musikstile es Jugendlichen einfacher machen geschlechtstypische Stereotype zu durchbrechen als andere. Und sie erklärt, warum wir Jugendlichen bei der Wahl ihrer Musikkurse nicht unbedingt immer die komplette Wahlfreiheit überlassen sollten…

"I want them never being afraid of anything."

Diese Folge ist auf Englisch, da es sich um ein Gespräch mit der spannenden brasilianischen Musikerin und musikalischen Leiterin Mariana Zwarg handelt. Sie hat einen besonderen Ansatz, wenn sie Gruppen anleitet: Zum Beispiel gefällt es Mariana, wenn die Gruppenmitglieder sehen, dass sie als Leiterin der Gruppe auch mal einen Fehler macht. Das gehört für sie beim Musikmachen dazu, ganz besonders beim Improvisieren. Sie spricht außerdem über die Freude am Risiko und die Entstehung von Motivation, Vertrauen und Mut, wenn sie zusammen mit anderen Musik macht und das Improvisieren übt…

"Jetzt muss ich meinen Mund aufmachen..."

Diese Folge ist ein zweiter Zusammenschnitt des spannenden Gesprächs mit der Freiburger Musiklehrerin Christine Löbbert und dem in Berlin lebenden Komponisten Mark Barden. Im zweiten Teil spricht Christine Löbbert von ihrem Berufsleben, das sich zu einem großen Teil im Musik-Keller des Bildungs- und Beratungszentrums für Hörgeschädigte in Stegen abspielt. Sie erzählt, wie sie aus ihrer individuellen Situation heraus zu einer politischen Aktivistin im Bereich der Musikpädagogik wurde und beschreibt, welche Ideale ihr Handeln als Musiklehrerin leiten. Doch sie beantwortet auch ganz praktische Fragen, z. B. wie sie das Singen mit hörgeschädigten Jugendlichen anleitet …

"Wir hören alle unterschiedlich!"

Als die Freiburger Musik- und Cellolehrerin Christine Löbbert und der US-amerikanische Komponist Mark Barden uns letzten Sommer im Seminar „Musikpädagogik und die Idee der Gerechtigkeit“ besuchten, standen sie mit ihrem Projekt noch ganz am Anfang. Nun sind es noch wenige Wochen bis zu den Konzerten des Bundesjugendorchesters mit Jugendlichen des Bildungs- und Beratungszentrums für Hörgeschädigte in Stegen. Gemeinsam werden sie in fünf Städten Beethovens 3. Sinfonie vortragen, die mit einer Aufführung des „Heiligenstädter Testaments“ verbunden wird. Gehörlose Schüler*innen werden in einer künstlerischen Form der Gebärdensprache einige Passagen aus diesem bewegenden Brief Beethovens vortragen, in dem er die soziale Isolation eines Schwerhörigen beschreibt. Mark Barden hat in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen in Stegen außerdem die Komposition „the weight of ash“ entwickelt. Im ersten Teil unseres Gesprächs ging es u. a. um die Frage, wie Gehörlose und Gehörgeschädigte Musik wahrnehmen und wie Christine Löbbert ihnen einen Umgang mit Musik ermöglicht…